Titel
Übrig sein - Leben "danach". Juden deutscher Herkunft in der britischen und amerikanischen Zone Deutschlands 1945 - 1949


Autor(en)
Geis, Jael
Erschienen
Berlin 2000: Philo Verlag
Anzahl Seiten
485 S.
Preis
€ 32,50
Rezensiert für Neue Politische Literatur und H-Soz-u-Kult von:
Dr. Angelika Eder

Die Studie von Jael Geis - die gekürzte Fassung ihrer von Reinhard Rürup in Berlin betreuten Dissertation - befasst sich mit der "winzigen Minderheit einer Minderheit" (S. 15), zu der Juden deutscher Herkunft in Deutschland nach den Jahren der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung geworden waren, in der Zeit unmittelbar nach der Befreiung bis zur Gründung der Bundesrepublik. Wie schon im Titel anklingt, ist dieses Leben "danach" nur vor dem Hintergrund der Shoa zu beschreiben und zu verstehen.

Bisher stand diese Gruppe in der Literatur nicht zuletzt aufgrund ihrer Kleinheit im Windschatten der Forschung zu jüdischen DPs, aber auch in der allgemeinen Aufmerksamkeit für diese Zeit sind die Problemlagen der in Deutschland lebenden deutschen Juden während der Besatzungsjahre in ihrer Vielfalt kaum Thema gewesen. Dies äußert sich nicht zuletzt in der Disparität des Quellenbestandes (vgl. S. 40), den Jael Geis in bewundernswerter Geduld für ihre Darstellung von Lebens- und Diskussionszusammenhängen der Juden deutscher Herkunft aus amerikanischen, europäischen und israelischen Archiven zusammengetragen hat. Mit der Sichtung und Interpretation bisher nicht ausgewerteten Materials und der Analyse zeitgenössischer Schriften will Jael Geis nach eigener Aussage den "jüdischen Blick" auf Nachkriegsdeutschland (S. 14), die "Bearbeitung, Einschätzung und Einordnung" von Ereignissen der Nachkriegszeit (S. 37) und die Bemühungen der Überlebenden in Westdeutschland, mit den Folgen nationalsozialistischer Politik umzugehen, darstellen.

Schon die etwas umständliche Bezeichnung dieser Menschen, die Jael Geis gewählt hat, zeigt die unklare Situation, die die jüdischen Gemeinden und ihre Mitglieder beim Wiederaufbau 1945 erwartete: Wer war Jude? Diejenigen, die von der nationalsozialistischen Rassepolitik als solche definiert und verfolgt wurden? Wer war "deutscher Jude", nachdem vielen die deutsche Staatsbürgerschaft vor 1945 abgesprochen worden war? (Vgl. die Begriffserklärung S. 15 - 20, bes. S. 15 Mitte). Bereits in dieser Begrifflichkeit zeigt sich die bedachte Genauigkeit und große Sensibilität, mit der sich die Verfasserin ihrem Gegenstand nähert.

In insgesamt zehn Kapiteln, die teilweise sehr kleinschrittig untergliedert sind, geht Jael Geis ihr Thema an. Zunächst schildert die Verfasserin sehr genau und systematisch die Lebensbedingungen, die (schlechten) materiellen Grundlagen der überlebenden deutschen Juden, die von Deutschen tendenziell als "Fremde" und von den Alliierten und internationalen Hilfsorganisationen als "Deutsche" betrachtet wurden, und weist dabei auf den hohen Symbolwert der materiellen Frage hin (S. 50f). Das zweite Kapitel geht der Frage der Folgen nationalsozialistischer Definition nach: Wer war Jude: Nur die nach religiösen Gesetzen in die Gemeinde (wieder) Aufgenommenen? Die rassisch Verfolgten? Was war mit den nicht-jüdischen Ehepartnern und den Getauften? Die in den ersten Nachkriegsjahren existenzielle Frage der Unterstützungsberechtigung als Verfolgter und als Empfänger von Spenden jüdischer Institutionen war dabei ein Aspekt, ein anderer die Notwendigkeit, sich von Spuren des Nationalsozialismus im jüdischen Leben trennen zu müssen.

Nach dieser Beschreibung der Lebensgrundlagen und -bedingungen widmen sich die weiteren Kapitel einzelnen Bereichen dieses Lebens: der Religion (wobei Jael Geis insbesondere auch die oft überhörten Stimmen aus dem liberalen Judentum jener Jahre zu Wort kommen lässt), der unmittelbar nach der Befreiung beginnenden innerjüdischen Debatte zur Interpretation der Shoa (u.a. mit Rückbezug auf die Geschichte von Emanzipation und Assimilation) und der Frage von Rache und Hass (ein thematisch auf den ersten Blick ungewöhnliches Kapitel, das die interne Auseinandersetzung und Bedeutung illustriert). Es folgt eine Würdigung des Beitrags von Juden zur Rechtsprechung gegen nationalsozialistisches Unrecht (in dem die Isoliertheit von Juden deutscher Herkunft in der Nachkriegsgesellschaft, die als Belastungszeugen oft ignoranten Richtern begegneten und anschließend Bedrohungen ausgesetzt waren, besonders deutlich aufscheint), ehe die zeitgenössische Sicht auf die "Kollektivschuld" diskutiert und die Frage des Umgangs mit der sog. "Wiedergutmachung" und mit dem erbenlosen jüdischen Eigentum von Individuen und Organisationen anhand zeitgenössischer Aussagen betrachtet wird.

Im Mittelpunkt stehen immer die Diskussionen der Zeitgenossen über diese Themen und deren Bedeutung für die Juden deutscher Herkunft, die im Nachkriegsdeutschland lebten, beispielsweise im Abschnitt "Wiedergutmachung von Innen" (S. 350ff) und in der Beschreibung der aktiven Teilnahme an "Wiedergutmachungs"-Debatten, die nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg geführt werden sollten (S. 347f), sowie des Anspruchs der Juden in Deutschland, die Treuhänderschaft für das erbenlose Gut zu übernehmen (S. 380f). Im letzten Kapitel, das die Fragestellung des Titels als Grundmotiv jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland aufgreift, wird der Begriff der "Liquidationsgemeinde" diskutiert. Auch hier kommen ausführlich bisher wenig beachtete Stimmen zu Wort (z. B. Hans-Erich Fabian 1947 und 1948, S. 411), die schon früh für dauerhafte jüdische Gemeinden in Deutschland plädierten. Abschließend resümiert Jael Geis die Auswirkungen der ersten Nachkriegsjahre auf die Jüdischen Gemeinden nach 1949, ehe sie mit dem Text "Ein KZ-Häftling träumte..." von Wilhelm Meier aus dem Jahre 1947 noch einmal die großen Erwartungen und Enttäuschungen auf jüdischer, gleichzeitig die großen Versäumnisse auf deutscher und alliierter Seite illustriert.

Mit der Studie von Jael Geis wird ein Thema, das ein wenig vergessen schien, auf breiter Quellenbasis gewürdigt, kommen die ehemaligen Opfer selbst zu Wort. Bezogen auf die "Doppelstruktur" jüdischen Lebens, wie Harry Maór sie 1961 beschrieb, widmet sie sich einer Seite, den Juden deutscher Herkunft. Bei vielen der angesprochenen Themen ist diese Konzentration absolut stimmig, doch an manchen Stellen wäre eine stärkere Einbeziehung der jüdischen DPs - und sei es nur zur Absetzung - vielleicht doch sinnvoll gewesen (siehe den direkten Vergleich S. 169). Beispielsweise könnte ein Vergleich mit der kollektiven Identität der She'erit Hapletah als Gegenbild zur Heterogenität der Juden deutscher Herkunft ergiebig sein, z. B. bei der Interpretation der Assimilationsgeschichte (Kap. 4). Und nicht nur eine Person wie Samuel Gringauz, u. a. Präsident des DP-Lagers Landsberg am Lech, ist Angehöriger beider Welten und der jeweiligen Diskussionszusammenhänge gewesen (vgl. das informative Personenverzeichnis S. 482ff). Auch das Phänomen der Gerüchte (S. 207, 365) oder die Gleichsetzung Hitlers mit Haman (S. 226ff) gehören zu beiden Lebenswelten. An manchen Stellen hätte ich mir eine stärkere Rezeption der Literatur zu jüdischen DPs (beispielsweise Wolfgang Jacobmeyers Arbeiten) gewünscht.

Jael Geis hat ein großes Vorhaben umgesetzt, indem sie eine Gesamtdarstellung der Lebens- und Gedankenwelt von Juden deutscher Herkunft 1945 bis 1949 vorgelegt hat, denn eine Regionalstudie wäre für diese Fragestellung unergiebig gewesen. Dadurch wirken allerdings an manchen Stellen die Beispiele und Details eher unverbunden und man läuft Gefahr, sich zwischen den vielen Regionalbeispielen zu verzetteln (z. B. in Kapitel 2). Möglicherweise wird diese Wirkung auch durch die große Anzahl wörtlicher Zitate im Fließtext verstärkt. Die Darstellung wechselt zwischen detaillierter kleinschrittiger Beschreibung und eher essayhaften Reflexionen. Viele Facetten werden in den Unterkapiteln zu jedem Thema angeschnitten und dabei doch mitunter nur kursorisch gestreift, wo ich mir an manchen Stellen eine Vertiefung und auch eine stärkere Einbeziehung weiterer Sekundärliteratur gewünscht hätte (z. B. S. 337). Doch diese Vielfalt mit der starken Betonung der Aussagen aus den Quellen zeigt auch das Panorama der Gedankenwelt der Juden deutscher Herkunft auf.

Jael Geis ist ihr Thema mit überaus großer Sensibilität und hohem Kenntnisstand jüdischer und deutsch-jüdischer Geschichte angegangen, trotz persönlicher Empathie behält sie genug Distanz zum Gegenstand.

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Rezension hervorgegangen aus der Kooperation mit der Zeitschrift Neue Politische Literatur (NPL), Darmstadt (Redaktionelle Betreuung: Simone Gruen). http://www.ifs.tu-darmstadt.de/npl/
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